Einleitung
In seinem klassischen Werk "Die Infusionsthiere als vollkommene Organismen" (1838) beschreibt CHRISTIAN EHRENBERG das "helmartige Säulenglöckchen" Epistylis galea. Er entdeckte das durch eine schnauzenartige Peristomöffnung und einen artikulierten Stiel charakterisierte Peritrich bei Berlin auf Ceratophyllum und anderen Wasserpflanzen. Ebenfalls auf Ceratophyllum fand ENGELMANN (1875) die "colossale E. galea", deren Myoneme er untersuchte, über die sich auch WRZESNIOWSKI (1877) und BRAUER (1885) äußerten. KENT (1881-1882) nahm E. galea, auf Beschreibung und Abbildung EHRENBERGs fußend, in sein "Manual of the Infusoria" auf.
Wir müssen einschaltend vorausschicken, daß E. galea sich durch einen interessanten Polymorphismus auszeichnet. Während junge Kolonien nur aus Norrnaltieren bestehen, bilden sich bei älteren Kolonien neben diesen Normaltieren große Makronten und kleine Mikronten. Zooiddimorphismus ist in der Gattung Zoothamnium weit verbreitet, in der Familie der Epistylidae sonst nur von Systylis hoffi und den Ballodoren bekannt.
Allen Untersuchern vor uns lagen junge, noch nicht in die einzelnen Morphen differenzierte Kolonien vor. Nur KELLICOTT (1884) beschreibt eine unserer Art sehr ähnliche dimorphe Epistylide, die er auch mit E. galea vergleicht, jedoch als E. ophidioidea neu beschreibt. Wenn auch die KELLICOTTschen Gründe einer Abtrennung seiner Art von E. galea nicht mehr relevant sind, scheint uns doch nach nunmehr genauer Kenntnis des EHRENBERGschen Peritrichs die von FAURÉ-FREMIET (1907) festgestellte und von KAHL (1935) vermutete Identität der beiden Arten höchst fraglich. Die außerordentlich schlanken, bis 740 um erreichenden und auf verdickten Stielenden sitzenden Makronten der in den USA auf Edodea gefnndenen Kolonien, fügen sich zunächst nicht in das von uns für E. galea gewonnene Bild. FAURÉ-FREMIET (1907) verfaßte über E. galea eine kleine Arbeit, aber auch ihm lagen nur undifferenzierte Kolonien vor, obwohl seine Tiere 250-300 µm erreichten. Er fand unser Peritrich in einem Wassergraben des Pariser Botanischen Gartens zusammen mit Carchesium polypininum, Epistylis plicatilis und Campanella umbellaria. Sein Vorschlag, E. galea der Gattung Campanella einzuverleiben, ist abwegig.
Der letzte in der Literatur erwähnte E. galea-Fund stammt von CANELLA (1954). Er fand das Peritrich bei Ferrara in den Monaten Juni, Juli und September.
Wir entdeckten E. galea in einem Karpfenweiher bei Erlangen auf den Blättern von Typha und Iris neben E. plicatilis und Campanella umbellaria. Wie die Übersicht BIEGELs (1954) zeigt, wurde E. galea in den Erlanger Gewässern bisher nicht nachgewiesen. Wir hatten das Glück, E. galea an Hand einer älteren Kolonie kennenzulernen und, das bei Epistyliden so seltene Auftreten polymorpher Kolonien veranlaßte uns, diesem Infusor eine eingehendere Studie zu widmen.